SFB 991

DFG-Sonderforschungsbereich 991: Die Struktur von Repräsentationen in Sprache, Kognition und Wissenschaft

Förderperiode 1: 01.07.2011 - 30.06.2015

Sprecher

Prof. Dr. Sebastian Löbner

Zusammenfassung

Wie denken wir die Welt? Wie sind unsere Begriffe angelegt und zusammengesetzt? Wie repräsentieren wir in unserem Kopf Kategorien, Individuen, Relationen, Eigenschaften, Ereignisse und Satzinhalte? Der SFB 991 ist ein Projektverbund zur interdisziplinären Grundlagenforschung, der sich mit diesen Fragen einer allgemeinen Theorie begrifflicher Repräsentationen befasst. Der Forschungsschwerpunkt liegt in der Linguistik und ist mit Projekten aus der Philosophie, Wissenschaftstheorie, Psychologie, Psychiatrie und Neurologie vernetzt. Ausgangspunkt ist die Hypothese, dass es eine einheitliche Struktur von Repräsentationen gibt, die für die neuronale Ebene ebenso gilt wie für sprachliche Begriffe und die institutionalisierten Begriffe der Wissenschaft. Bei dieser einheitlichen Struktur handelt es sich um Frames im Sinne des Kognitionspsychologen Lawrence Barsalou. Barsalou-Frames beschreiben ihre Repräsentanten mithilfe von Attributen (zum Beispiel Form, Herkunft, Funktion) und den Werten, die diese annehmen. Nach Barsalous Kognitionstheorie sind Frames im sensomotorischen System verankert und stehen mit ihm in Wechselwirkung. Das Begriffssystem des Menschen ist nicht logisch-abstrakt, sondern untrennbar mit Wahrnehmung und Motorik verknüpft.

Die zentrale und übergreifende Zielsetzung des SFBs ist die Entwicklung einer allgemeinen Frametheorie der Begriffe. Das Fundament dazu wurde in der DFG-Forschergruppe FOR 600 "Funktionalbegriffe und Frames" gelegt. Dort gelang es, dem notorisch vagen Begriff des Frames eine präzise formale Fassung zu geben. Im SFB soll diese Theorie zwei wesentliche Innovationen erfahren, die weit über Barsalous Modell hinausgehen: eine Modellierung von dynamischen Begriffskomponenten wie zeitlichen Entwicklungen und kausalen Beziehungen, und eine Erforschung der allgemeinen Operationen, mit denen Begriffe modifiziert, abgeleitet oder kombiniert werden. In der Linguistik wird der Frameansatz angewandt um erstmals eine fundierte allgemeine Theorie der Typisierung und Aufschlüsselung von Wortbedeutungen zu entwickeln. Sie dient als Basis für theoretische Neuentwicklungen zum Verständnis der grammatischen und semantischen Mechanismen, mit denen Wörter zu Sätzen verknüpft werden. Mit diesem Ansatz will die linguistische Forschung im SFB eine Brücke zwischen der formalen Linguistik und der kognitiven Linguistik schlagen. Außer in der Linguistik wird der Frameansatz exemplarisch in drei Wissenschaftsbereichen angewandt: in der Wissenschaftstheorie auf die Analyse von Paradigmenwechseln in den Naturwissenschaften, im Bereich Sprache und Recht auf die Analyse von Begriffen des deutschen Strafrechts und in der Psychiatrie auf eine framebasierte Klassifikation psychiatrischer Störungen. Psycholinguistische und neurokognitionswissenschaftliche Projekte überprüfen experimentell die Vorhersagen des Frameansatzes für die Sprachverarbeitung und die Verankerung von sprachlichen Begriffen in der Sensomotorik.

Allgemeine Beschreibung